Evang. Jugendarbeit Barnim

 
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Junge Gemeinde Bernau / "Offene Hütte"

Junge Gemeinde Bernau / "Offene Hütte" - ein bisschen Geschichte

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Junge Gemeinde Bernau / "Offene Hütte" - ein bisschen Geschichte

In der DDR bewertete die "führende Partei der Arbeiterklasse", die SED, die evangelische Kirche und ihre Jugendarbeit meist als "konterrevolutionär", als "feindlich-negativ", im besseren Fall als "fortschrittlich, aber unzuverlässig". Verbunden war dies vor allem in der 50-er Jahren mit offenem und später mit meist subtilerem Druck besonders auf Eltern, die ihre Kinder christlich erziehen wollten. Wer in den 70-er und 80-er Jahren nicht der "Freien Deutschen Jugend" beitrat, dem einzigen Jugendverband, der sich als "Kampfreserve der Partei" (= der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) bezeichnete, wer nicht an der Jugendweihe teilnahm ("Bekenntnis zum sozialistischen Staat"), wer sogar vormilitärische Ausbildung oder Wehrdienst ablehnte, trat aus der schweigenden oder zustimmend mitmachenden Menge heraus. Solche Verweigerungen galten als Ablehnung der "sozialistischen Gesellschaftsordnung", sollten erklärt werden, wurden von den staatlichen Organen registriert, genauso wie die Nichtteilnahme an den scheindemokratischen Wahlen. Es sprach sich herum, dass Lehrer/innen bei Hausbesuchen fragten, ob denn die Eltern eventuelle berufliche Nachteile für ihre Kinder verantworten könnten, im Klartext: dass Kinder christlicher Eltern auch bei besseren Leistungen schlechtere Berufschancen haben würden. Im süffisanten Unterton der sanfteren Spielart von Diktatur hieß es dann: "Man kann ja nie wissen..." (was so alles passiert).
Unter solchen Bedingungen gingen wenige Jugendliche zur Konfirmation oder zur JG, die als Freiraum genutzt wurde, in dem wie sonst kaum offen diskutiert werden konnte. Wie wir heute wissen, waren die Themen, die Leute und selbst private Dinge für die Stasi, den Geheimdienst der DDR, interessant.

Im Nov. 1988 konnte die JG eigene Räume im alten Lateinschulhaus (aus dem 16. Jhdt), Kirchplatz 10, beziehen. Außer zum wöchentlichen JG-Themenabend kamen Jugendliche nun auch zum Treff "OH", wo gespielt, geplant und gefeiert wurde. Ende 1988 gestaltete die JG einen Gottesdienst, in dem u.a. das antirassistische Lied aus Südafrika "O Gott, gib uns Stärke, dass Mauern stürzen" gesungen wurde - rasch kam Kritik von wachsamen Mitgliedern der (DDR-)CDU: Wir hätten deutlicher machen müssen, dass damit nicht die als "antifaschistischer Schutzwall" bezeichnete Mauer in Berlin gemeint war.

In den Tagen der sog. "Wende" im Herbst 1989 kamen so viele beunruhigte Jugendliche und Erwachsene zur OH, dass mehrfach spontan in den T.-Seiler-Saal umgezogen werden musste.

Nach der "Wende" zerfiel auch die FDJ. Neue Formen und Strukturen in der Jugendarbeit mussten erst entwickelt werden. Die JG-Arbeit weitete sich im offenen Bereich deutlich aus: Beratungsarbeit (z.B. erstmals offiziell zu Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst), Treffangebote wie das Schülerkaffee "OffenBar", Bildungsseminare, Aktionen, Jugendtage, Ferienfreizeiten, viele Begegnungen, z.B. mit jungen Asylbewerber/innen.

"Walitafuta nini Wabernau katika Afrika?": Was suchten Bernauer/innen in Afrika? 19 junge Leute aus Bernau und Umgebung wollten nicht nur als Touristen nach Afrika fahren. Über ein Jahr bereiteten sie sich vor, lernten fleißig Swahili, um sich in Ostafrika verständigen zu können. 1994 konnten wir einen Monat lang auf der Insel Sansibar (Tansania) wohnen und zusammen mit Bewohner/innen aus den Dörfern Pwani Mchangani und Fukuchani am Bau von Klassenräumen arbeiteten, um die Bildungschancen der Kinder dort zu verbessern und unseren Horizont zu erweitern.

Ein neues Denkmal: Die antimilitaristische Position der evang. Jugendarbeit in der DDR war inspiriert von der biblischen Verheißung und Sehnsucht "Schwerter zu Pflugscharen". Dafür nahmen junge Leute Nachteile oder wie die Wehrdiensttotalverweigerer auch Gefängnis in Kauf. Für Totalverweigerer wurde in evang. Gottesdiensten jahrelang gebetet.
Die Tradition von Pazifismus, Verweigerung und Desertion, die es auch in Deutschland gab, wurde unter Hitler brutal unterdrückt, in der DDR weitgehend verschwiegen. Wie können wir am Ende dieses kriegerischen Jahrhunderts jene ehren, die sich dem Töten entzogen und weiterhin verweigern, um Kriege zu verkürzen oder unmöglich zu machen?
Darum befassten sich seit 1996 Jugendliche aus Bernau und Umgebung mit diesem Themenbereich. Als Ergebnis von über zwei Jahren Engagement und vielen Diskussionen steht das am 15. Mai 1998 enthüllte Deserteurdenkmal an der Stadtmauer in der Mühlenstraße, das einen gefesselten Menschen vor einer Wand mit Einschüssen zeigt, auf der die Worte eingeritzt sind: WEIL ER NICHT TÖTEN WOLLTE.

Besonders seit 1997 beteiligen sich viele Jugendliche aus der OH an Fahrten und Projekten zusammen mit jugendlichen Flüchtlingen. So gibt es regelmäßig Sommerfreizeiten, Bildungsseminare und z.B. Tage der Begegnung mit in- und ausländischen Jugendlichen.

Auch im 21. Jahrhundert müssen wir uns immer wieder orientieren und entscheiden. Der Kirche und ihrer Jugendarbeit bleibt die Aufgabe, die in biblischen Weisheiten verdichteten Erfahrungen zu erinnern und zu übersetzen, z.B.: "Wählt das Leben, nicht den Tod", "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", "Vertraut der guten Nachricht, dass Umkehr möglich ist", "Laßt euch versöhnen mit Gott/dem Leben".
Aktualisiert ( Mittwoch, den 06. Januar 2010 um 23:14 Uhr )